Marshmallow-Figur beim Grundübertritt
Als die Mauer fiel, war ich frische 9 Jahre alt und bin im Osten der Stadt direkt in Grenznähe zu Rudow aufgewachsen. An dem Tag, am 9. November stand eigentlich eine Mathe-Arbeit an und ich, die ich auf die Grundschule in Schönefeld ging, hatte vorher noch 2 Stunden Sport. Sport fand ich nicht so toll, weil ich immer schlecht im Boden-Turnen war, aber wir spielten in der Halle 2 Felder-Ball. Ausnahmsweise hielt ich mich ganz gut im Spiel und war die Letzte, die noch nicht vom Ball getroffen, im Spiel war. Leider war ich dem geballten Angriff dann doch nicht gewachsen und stürzte beim Ausweichen der Bälle über einen Ball und fiel – das knacksende Geräusch ist mir bis heute in den Ohren mit dem mein Schlüsselbein brach. Der Rest war ganz schön schmerzhaft, da wir im Sportunterricht als Mädchen Turn-Body tragen mußten und der Arm einfach nicht mehr einzuklappen ging, mußte das Teil aufgeschnitten werden.
Meine Eltern waren auf dem zivilen Flughafen Schönefeld angestellt: meine Mutti als Krankenschwester bei der Interflug-Fluggesellschaft und mein Papa als Radar-Ingenieur. Da meine gesamte Verwandtschaft im Westteil Deutschlands wohnte, durften meine Eltern nicht auf dem Militärflughafen Cottbus arbeiten, wo ich selbst geboren bin. Im Nachgang war das das Beste, was uns passieren konnte, weil ich so nicht nach Schönefeld und nach Berlin gekommen wäre, und meine Eltern dauerhaft bis zur Rente Arbeit hatten.
So wurden meine Eltern angerufen, mich abzuholen und zum Betriebshof Schöneweide zu fahren, wo die Ärzte eben einen Schlüsselbeinbruch feststellten und mir einen sog. “Rucksackverband” anlegten, der schmerzhaft meine Schultern richtete und mich wie ein “Marshmallow-Männchen” unförmig und tapsig machte. Es war schon schwierig in unseren kreischgrünen Trabi “Henriette” ein- und auszusteigen, aber es ging irgendwie. Abends sind wir dann schnell und überstürzt über den Grenzübergang Waltersdorfer Chaussee (Rudow) zu Fuß gelaufen: Himmel und Menschen waren unterwegs und es tat ganz schön weh in dem Gedränge mit einem frischen Bruch. Die Menschen waren aber supi nett und solidarisch, haben mich hoch gehoben oder mich sitzen lassen.
Auf dem Bahnsteig der U-Bahn in Rudow bekam ich 5 Mark geschenkt und habe nicht wirklich verstanden, warum die Menschen weinten oder uns umarmten, wildfremde Menschen für sie. Gummibärchen bekam ich zugesteckt und eine Kiwi – ich habe mich nicht getraut sie zu essen, sah ja aus wie eine haarige Kartoffel und solch exotisches Obst kannten wir ja nicht.
Wir haben uns dann irgendwie zu entfernten Verwandten durchgeschlagen, bei denen wir abends aßen. An den Rest der Nacht oder wie wir nach Hause kamen, kann ich mich heute nicht mehr erinnern. Aber an meinen “Marshmallow-Anzug” und die weinenden Menschen sehr wohl.
Mein Leben war dann schon anders im Verlauf: im Jahr darauf besuchte ich meine Verwandten in Heidelberg und zum ersten Mal McDonald’s, ich wäre nicht als Kindermädchen nach Amerika gegangen oder hätte in Schweden studiert.
Jetzt bin ich als jüngste Abgeordnete meiner SPD-Fraktion für Stadtentwicklung zuständig, und sehe immer noch die Brüche in der Stadt, trotz Sanierung und Neubau. Ich werde immer an die Teilung erinnert im Berliner Abgeordnetenhaus, da die Teilungslinie im Boden eingelassen ist. Ich habe aber auch erfahren, dass Verwandte meine Familie bespitzelten oder wie “Wessis” Unerfahrenheit ausnutzten. Ich weiß heute, warum ich als Schwimmerin im Leistungssport nicht an den Trainingslagern im “nicht-sozialistischen” Ausland teilnehmen durfte – im soviel Westverwandtschaft hätte ich ja fliehen können. Vielleicht wäre mein Leben anders verlaufen, wenn ich diese Hindernisse nicht gehabt hätte – das war schon schade, obwohl viele Menschen sehr viel schlimmer dran gewesen sind als meine Familie und wir keine direkten Repressionen fühlten.
Heute bin ich sehr froh, dass ich die Freiheit habe, meine Meinung auszusprechen, zu schreiben oder einfach Dinge zu tun, die früher in der DDR nicht möglich gewesen wären. Ich kann heute überall auf der Welt studieren, arbeiten und Menschen besuchen. Ich kann essen, wann und was ich will, lesen und hören was ich will und nicht dann, wenn mal etwas da ist oder jemand etwas zensiert hat.
Ich kann ich sein: zu jeder Zeit und an jedem Ort!
Ellen Haußdörfer, MdA


Am 11. Oktober 2009 um 14:10 Uhr
ein sehr schöner bericht!