1989 – Herbst des Aufbruchs und der Demokratie
Ich war 1989 18 Jahre alt und lebte in Ostberlin. Spätestens nachdem im Sommer zehntausende Menschen aus der DDR geflohen waren, war deutlich, dass es so nicht weiter gehen konnte. Im Herbts begann die DDR sich mit den großen Demonstrationen in Berlin und v.a. in Leipzig, sehr grundlegend zu verändern. Spätestens nach dem Rücktritt Honneckers am 18. Oktober war klar, dass diese Veränderungen nicht mehr aufhaltbar waren. Überall fanden sich Menschen zusammen um zu diskutieren, wie es weiter gehen sollte. Offene Debatte, demokratischer Streit, selbstbewusstes Eintreten für die eigenen Überzeugungen, sich mit anderen Menschen zusammentun, die das gleiche wollten – all das wurde überall gelernt, geübt und praktiziert, gerade auch von Jugendlichen. Und viele, so auch ich machten die Erfahrung, dass man tasächlich etwas bewirken, etwas mitentscheiden konnte. Das Engagement lohnte sich. Der Mauerfall selbst, ging bei mir persönlich eher unter, weil ich mit anderen zusammen viel zu sehr damit beschäftigt war, mich in die rasend schnell ablaufenden Veränderungen einzumischen. Die große Demonstation am 4. November, an der mehr als eine Million Menschen teilnahmen (bei ca. 16 Millionen Einwohnern in der DDR), hat auf mich einen riesigen Eindruck gemacht. Auch an unserer Schule stand die Frage, wie Interessenvertretungen für Schülerinnen aufgebaut werden. Wir haben darüber diskutiert, wie wir uns gerade als Jugendliche auf sich abzeichnende demokratische Wahlen zu einem Parlament vorbereiten sollten. Aus der Erfahrung einer Diktatur alter Männer in der DDR diskutierten wir darüber, wie wir unsere Belangen als Jugendliche selbst in die Hand nehmen können und wollten dies nicht unbedingt den Parteien, ob alten oder neuen, überlassen. Wir gründeten unsere eigenen Jugendorganisationen, um zusammen mehr bewirken zu können.
Steffen Zillich, MdA Die Linke

